Sisyphos
ist eine Geschichte des europäischen Menschen. Für die anderen kann ich nicht
sprechen. Eine mögliche Geschichte. Eine der möglichen Geschichten, die
immer wieder ausprobiert wird.
Also eine ganz wirkliche Geschichte. Das
scheint ein Phänomen dieser Geschichte zu sein, ihre Wirklichkeit. Die
Wirklichkeit zum Beispiel, etwas unendlich zu wiederholen, obwohl die
Sinnlosigkeit offensichtlich geworden ist.
Etwas unendlich zu
Wiederholen, nur weil es gewohnt ist, und weil die gewohnte Plage sich
sicherer anfühlt als eine ungewohnte Freiheit. Die Freiheit des
Menschen, unfrei zu sein. Die Freiheit, sich Göttern zu unterwerfen,
die mit ihrem Urteil die Bedingungslosigkeit des Lebens verbannen.
Welch eine Geschichte. Es ist auch eine Hommage an die griechische
Seele, die sich mit heldenhaftem Mut um diese unmögliche Geschichte
verdient gemacht, und die sich all diesen Polaritäten gestellt hat. Die
das Verdienen in allen Varianten durchgespielt hat, das nie wirklich
Verdienen-Können vorgelebt hat und deren vorgelebte Ausweglosigkeit wir
immer
noch nicht wirklich begreifen wollen.
Die Götter haben es uns
gezeigt:
Wir können nie wirklich etwas verdienen, das Leben ist
bedingungslos. Auf Grund der langen Geschichte, die diese Geschichte
aufzuweisen hat, erlaube ich mir, folgende Behauptungen aufzustellen:
Sisyphos hat viele Gesichter. Sisyphos ist ein Archetyp des heutigen
Menschen, Sisyphos ist eine Sammlung von Lebensaspekten: Versuche des
Menschen, das Leben zu leben, und vielleicht sogar zu meistern, oder
einfach nur glücklich zu sein, oder dies zu vermeiden.
Fragen nach dem
Sinn. Fragen nach dem Scheitern. Fragen nach dem Wert.
Der Schwerpunkt
liegt auf den Fragen. Auf der Suche nach einem Sinn wird es immer
deutlicher, daß die richtigen Fragen wichtiger sind als die Antworten.
Nicht die Fragen als solche sind schon genug. Wichtig sind die Fragen,
die aus Wahrnehmung, Erleben und Fühlen wachsen. Sisyphos geht einen
weiten Weg: In die Verdammnis eines ewigen Arbeitszwanges, und er geht
ihn - immer bergauf, vom Verschlagenen über den Intelligenten, bis zu
seinem erlösenden Potential, der Erkenntnis der Bedingungslosigkeit.
Daß er immer wieder unten, und immer wieder von neuem beginnt, macht
uns glauben, er käme nicht von der Stelle, bliebe an immer demselben
Hang stecken. Doch das ist der äußere Schein. Was wirklich geschieht,
das kann sich erst am Ende zeigen. Wohl nicht am Ende der Fragen, denn
es ist fraglich, ob die Fragen jemals enden. Eher am Ende der
Antworten. Bedingungslosigkeit bedarf der Antworten nicht. Aber wir
wollen nicht vorgreifen. Wie es dazu kam, wird wohl noch lange im
Mythos der Vermutungen vergraben sein, obwohl die Historiker ihn zu
kennen glauben, den Mythos. Und den Sisyphos? Die Vermutungen aber
führen uns am Ende zum Mut, den der griechische Mensch aufbrachte, den
Weg der Fragen zu gehen, ohne Rücksicht auf die Antworten. Das
Labyrinth auf sich zu nehmen. Das Risiko des Lebens. Bedingungen zu
sprengen. Dem Ariadnefaden zu folgen. Ohne den Ausgang zu wissen. Die
Antwort steht am Eingang des Orakels von Delphi. >
